Runder Tisch Berlin mit Themenschwerpunkt Intersexualität

Am 7. Oktober 2008 trafen sich Berliner Aktivist_innen, Projekte und unterschiedliche Expertengruppen zum Runden Tisch (Thema: Intersexualität), eingeladen von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales - Landesstelle für Gleichbehandlung - gegen Diskriminierung Berlin

Es gab kurze Inputs von:
Ins Kromminga, Internationale Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM)
(Text folgt unten)

Dr. Birgit Köhler, Kinderendokrinologin: Medizinische Grundinformationen, Behandlungsmöglichkeiten für Kinder und die Angebote der Pädiatrischen Endokrinologie der Charité;

Knut Werner-Rosen
, Psychotherapeut: Forschung zu Intersexualität im Netzwerk Intersexualität; insbesondere: Ethische Grundsätze zum medizinischen und psychotherapeutischen Umgang mit Betroffenen und Angehörigen.

Weiteres zum Runden Tisch zu einem späteren Zeitpunkt bei IVIM:
http://www.intersexualite.de/index.php/runder-tisch-berlin/

Input von IVIM:

Viele intergeschlechtliche Menschen haben aufgrund ihrer Behandlungserfahrung durch die Medizin, Chirurgie und Psychologie gesundheitliche Probleme, da die Behandlungen intergeschlechtlicher Menschen häufig einen reinen Experimentalcharakter haben und darum auch als medizinische Menschenversuche bezeichnet werden können. Besonders problematisch gilt hierbei das programmatische Ignorieren einer aufgeklärten Einwilligung der betreffenden Person, insbesondere da es sich häufig nicht um akute lebensrettende Maßnahmen handelt, sondern um normierende Eingriffe (chirurgischer und medikamentöser Art), bei denen vor allem das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit verletzt wird.

Verstärkt wird dieses Problem leider durch die gesellschaftliche Ignoranz und dem Glauben an eine Natürlichkeit der Zwei-Geschlechter-Ordnung. Naturwissenschaften, und insbesondere die Praxis der Medizin tragen mit ihren normstiftenden Handlungen in besonderen Maße zu dieser Ignoranz bei, indem sie vorgeben was natürlich und gesund, und was als abweichend, krank und gestört verstanden wird.

Das soziale Auffangen von intergeschlechtlichen Menschen und deren Eltern und Angehörige durch Selbsthilfe, die Aufklärung der Öffentlichkeit durch die Inter*Community und die Forderungen politischer Grasswurzelbewegungen werden massiv unterwandert durch ein international agierendes Netzwerk von Wissenschaftlern, Forschern, Medizinern und Psycholog_innen, welche die Pathologisierung einer Menschengruppe vorantreiben und ihre Kompetenz masslos überschreiten, in dem sie gesellschaftliche und soziale Fragen naturwissenschaftlich zu lösen versuchen. Auch wenn sich die Forschung, nicht zuletzt durch den gesellschaftlichen Druck der seit cirka 12 Jahren lauter werdenden Stimmen intergeschlechtlicher Menschen, vermehrt ethischen Fragen stellen muss und auch nach Aussen eine vermeintliche Progressivität an den Tag legt, hat sich der Blick innerhalb der Naturwissenschaft und Medizin kaum davon beeindrucken lassen. Im Gegenteil wird immer genauer danach geforscht, was die Ursachen der sogenannten Störungen sind - und sicherlich nicht danach,wie die Lebenssituation von heutigen und zukünftigen Inter*s zu verbessern ist, sondern vielmehr, wie die "Störungen der Geschlechtsentwicklung" abgeschaltet und vermieden werden können.

In einer Welt, die ihre eng gesteckten Vorstellungen von Geschlechtlichkeit mit Hilfe der Naturwissenschaften definiert und von einer klinischen Praxis strengstens überwachen und engmaschig kontrollieren lässt, haben die Forderungen intergeschlechtlicher Menschen und die Anwendung der Menschenrechte für Zwitter einen schweren Stand. Politik und Recht sind gefordert hier vermehrt unterstützend einzugreifen. Die Medizin sollte ihrerseits genauer reflektieren, worin ihre Aufgaben und Kompetenzen liegen und wo nicht - und die Forschung sollte nicht für die gesellschaftliche Regulierung und Wertung von sozialen Kategorien und Formen des Menschseins eingesetzt werden wie es besonders bei "DSD" der Fall ist.

Intergeschlechtlichkeit ist keine Krankheit. Es gibt sicherlich spezifische gesundheitliche Probleme, wie es auch frauen- und männerspezifische Probleme gibt, und diese gilt es zu behandeln und nicht diese mit der Anpassung an und/oder der Schaffung von stereotypen Körperbildern und Funktionen zu vermischen.

Medizin und Psychologie sollten nicht länger mit der Zuweisung des Geschlechtsstatus befasst und bevormundend geschlechtsnormierend tätig sein; Politik und Recht sollten sicherstellen, dass bevormundende medizinische Geschlechtsnormierungen ein Ende haben und andererseits darauf hinwirken, dass Veränderungen des registrierten Geschlechtsstatus auf Wunsch der Betroffenen und ohne "Expertenurteil" möglich sind.

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